»Deutschlands wunderbarstes und sinnvollstes Lesefest!«
DIE ZEIT

Rückblick 13. Frankfurt liest ein Buch vom 2.-15. Mai 2022

Nach zwei Jahren »Frankfurt liest ein Buch« unter Pandemiebedingungen hat das 13. Lesefest nur noch mit wenigen coronabedingten Einschränkungen Frankfurt und Umland begeistert. Vom 2. bis 15. Mai 2022 drehte sich alles um Irmgard Keuns Exilroman Nach Mitternacht, in dem die Autorin rasant in dem ihr ureigenen Erzählton ebenso scharfsinnig wie scharfzüngig Alltagszenen aus dem Frankfurt der frühen NS-Zeit schildert.

1937 im Amsterdamer Querido Verlag erschienen, wurde der Roman zum Welterfolg. Anlässlich der Auswahl von Nach Mitternacht zum zentralen Buch des 13. Lesefests ver­öffent­lichte der Claassen Verlag 2022 eine Neuausgabe mit einem eigens dafür verfassten Nachwort von Heinrich Detering.

Das Programmheft finden Sie hier.

 

Das Buch – Nach Mitternacht

 © Bob Denneboom

Frankfurt, 1936: Menschenmassen strömen auf den Opernplatz und warten auf den Besuch Hitlers. Mittendrin und doch abseits verfolgt die 19-jährige Susanne das Geschehen. Voller Sehnsucht und Unruhe wartet sie seit ihrer Flucht aus Köln auf ein Lebenszeichen von ihrem Verlobten Franz. Gemeinsam wollten sie einen Zigarettenladen aufmachen. Doch plötzlich taucht Franz aus dem Nichts vor ihr auf. Er wurde an die Gestapo verraten, hat den Denunzianten – den Besitzer eines Zigarettenladens – umgebracht und muss nun fliehen. Kurz vor Mitternacht muss Susanne sich entscheiden: Soll sie ihre Heimat verlassen, um mit Franz zu gehen?

48 Stunden schildert Irmgard Keun durch die Augen ihrer Erzählerin den Alltag im nationalsozialistischen Deutschland. Mit genauer Beobachtungsgabe und scharfem Humor beschreibt sie die Erlebnisse, Gespräche und Widersprüchlichkeiten verschiedenster Menschen in dieser Zeit.
Nach Mitternacht ist einer der wichtigsten Romane der deutschen Exilliteratur.

Irmgard Keun
Nach Mitternacht
Mit einem Nachwort von Prof. Heinrich Detering
ca. 208 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag
€ 22,- (D)
ISBN: 978-3-546-10034-2
Neuausgabe: 27. Januar 2022
Claassen Verlag

Die Autorin – Irmgard Keun

   © Ullstein Bild

Irmgard Keun, 1905 in Berlin geboren, feierte mit ihren beiden ersten Romanen, Gilgi – eine von uns und Das kunstseidene Mädchen sensationelle Erfolge. 1936 ging sie ins Exil und kehrte vier Jahre später mit falschen Papieren nach Deutschland zurück, wo sie unerkannt lebte. Im Literaturbetrieb der Nachkriegszeit konnte sie zunächst nicht an die Erfolge ihrer ersten Bücher anknüpfen, bis ihre Romane Ende der Siebzigerjahre von einem breiten Publikum wiederentdeckt wurden. Dazu zählt auch Nach Mitternacht, 1937 in den Niederlanden und seit 1980 im Claassen Verlag erschienen.

Irmgard Keun starb 1982 und zählt heute zu den wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts.

 

Frankfurt liest ein Buch 2022

Der Auftakt des Lesefests fand am 2. Mai in der Deutschen Nationalbibliothek statt. Auch durch die bewegenden Worte der Tochter der Autorin wurde der Abend zu einer feierlichen Eröffnung des Lesefests. Martina Keun-Geburtig war im Folgenden Gast zahlreicher Veranstaltungen.

 (c) Frankfurt liest ein Buch e.V.

Martina Keun-Geburtig, Deutsche Nationalbibliothek, 02.05.22

In diesem Jahr haben ca. 85 Veranstaltungen in Frankfurt und Region stattgefunden (z. B. in Bad Vilbel, Friedberg, Gelnhausen, Gießen, Hainburg, Karben, Maintal, Offenbach, Schwal­bach und Wiesbaden).

Die Formate waren abwechslungsreich: Es gab Lesungen mit oder ohne Musik verschiedener Art und Aufstellung, es wurden unterschiedliche thematische Schwerpunkte gesetzt, es gab Vorträge und Gesprächsrunden, Stadtrundgänge, Ausstellungen, Theater- und Filmvorführungen.

Die Veranstalter und Orte sind heterogen und ermöglichen dadurch völlig verschiedene Einblicke und Zugänge zum Buch: Vom Seniorenheim, Nachbarschaftstreff oder Privathaus über zahlreiche Buchhand­lungen, Kirchen und Gemeinden, Bibliotheken, Schulen bis hin zu Museen und Kinos reichte die Palette in diesem Jahr. Das Engagement und die Kreativität der Beteiligten beeindruckten die Besucher. Zu den Programmpunkten zählten folgende Veranstaltungen:

Die Schauspielerin Ricarda Klingelhöfer hat in einer Ausnahmeveranstaltung mit ihrer performativen Lesung an der Volksbühne ein Solo-Programm von anderthalb Stunden abgeliefert.

In der Sachsenhausener Fabrik hat Michael Bienert von seinen Funden un­ver­öffent­lichte Briefe von Irmgard Keun erzählt, die vorgelesen wurden von Melanie Straub, selbst Darstellerin in der hoch gelobten und für das Festival eigens wieder­auf­genom­menen Inszenierung von Nach Mitternacht im Schauspiel Frankfurt.

  (c) Frankfurt liest ein Buch e.V.

Michael Bienert und Melanie Straub, Fabrik Sachsenhausen, 04.05.22

Mit einer gelungenen Kombination aus Lesung und Musik ging es in der Oper Frankfurt um Ähnlichkeiten in der Biografie des vergessenen Komponisten Erich Zeisl und Irmgard Keun, beide 1905 geboren und spätere Exilanten.

Christian Setzepfandt mit seinem »Virtuellen Stadtrundgang« in der Frankfurter Denkbar am 5. Mai:

  (c) Frankfurt liest ein Buch e. V.

In der Deutschen Nationalbibliothek haben sich beim Thema »Innenansichten aus dem bürger­lichen Nazi-Deutschland« die Keun-Kennerinnen Ariane Martin und Sylvia Asmus die Bälle zugeworfen und ein großes Publikum begeistert. Die Veranstaltung wurde vom Hessischen Rundfunk, Medienpartner von Frankfurt liest ein Buch, aufgezeichnet.

Petra Roth hat auf dem Dach des ausverkauften Haus am Dom mit ihrer Interpretation von Sannas Geschichte die Besucher in den Bann gezogen.

Die Schauspielerin Andrea Wolf hat in der Buchhandlung Hugendubel und im Nebbienschen Gartenhaus im Frankfurter Grüngürtel aus der Roman­biographie Irmgard Keun – Nach Mitternacht ein Leben gelesen.

  (c) Frankfurt liest ein Buch e.V.

Andrea Wolf, Nebbiensches Gartenhaus, 08.05.22

 (c) Frankfurt liest ein Buch e.V.

Jo van Nelsen hat für das 13. Lesefest das Konzept »Grammophonlesungen Bubikopf & Bleistift« konzipiert, mit dem er u.a. am Velvet Theater in Wiesbaden und dem Switchboard, eine Einrichtung der Frankfurter Aidshilfe, aufgetreten ist und das auch im Hessischen Rund­funk gesendet wurde. Van Nelsen hat sich in seinem Programm auf Texte bekannter Frauen der Weimarer Republik spezialisiert, las ausgesuchte Texte vor, und lieferte dazu Musik­ein­lagen, die er auf seinem Grammophon abspielte.

Im Bürgerhaus Schwalbach hat eine sehr gut besuchte und stimmungsvolle szenisch-musika­lische Lesung mit Nina Hoger stattgefunden, in der Parallelen zu Mascha Kaléko im Vorder­grund standen.

Eva Demski berichtet in der Katharinenkirche am 10. Mai im Gespräch mit Michael Reckhard von der WIBank über ihr Interview mit Irmgard Keun für das Kulturmagazin »TTT«. Den stimmungsvollen Rahmen bildete hier noch die musikalische Begleitung.

  (c) WIBank

Eva Demski & Michael Reckhard, Katharinenkirche, 10.05.22

Ein voller Erfolg war auch die Lesung von Wolfgang Vogler vom Schauspiel Frankfurt in der IGS Kalbach-Riedberg, der als Artist in Residence zusammen mit einer Chanson-singenden Lehrerin die Schüler:innen und Eltern mitgerissen hat.

Das Geldmuseum der Deutschen Bundesbank hat durch Vortrag und Lesung mit Bärbel Schäfer einen eigenen Zugang zum Roman gefunden und in der Diskussion das engagierte Publikum miteinbezogen.

Mehr als ein unterhaltsamer Abend mit Lesung, Mode und Musik erwartete das Publikum im Sachsenhäuser Modegeschäft Peggy Sue Vintage. Mit ihrem kulturgeschichtlichen Wissen und Anschauungsmaterial zum Thema hat die Ladenbesitzerin Angi Henn ihre Zuhörer beeindruckt.

Alexandra Benz, Peggy Sue Vintage, 11.05.22

 Beide Fotos (c) Frankfurt liest ein Buch e.V.

Angi Henn, Peggy Sue Vintage, 11.05.22

An der Albert Einstein-Schule in Maintal haben Schüler:innen eine Ausstellung kuratiert. Die Schauspielerin Ursula Illert präsentierte im Rahmen einer gut besuchten Abendveranstaltung von den Schüler:innen ausgewählte Texte. Zusätzlich spielte die Jazz-Band Swing Belleville.

Der Schauspieler Helge Heynold stellte Nach Mitternacht in der Avetorstubb vor, einer Einrichtung der Caritas, die Wohnsitzlosen ein Zuhause gibt und die seit Jahren bei Frankfurt liest ein Buch dabei ist. Das Sachsen­häuser Publikum war begeistert.

  (c) Frankfurt liest ein Buch e.V.

Helge Heynold, Avetorstubb, 12.05.22

Eine sensationelle Leistung ist die Inszenierung von Irmgard Keuns Roman von Schüler:innen der Heinrich von Kleist-Schule in Eschborn, die etwa 130 Zuschauer in den Bann gezogen hat.

  beide Fotos (c) Frankfurt liest ein Buch e.V.

Heinrich v. Kleist-Schule, 12.05.22

Im Historischen Museum fand eine gut besuchte Lesung vor Stationen der Ausstellung »Eine Stadt macht mit. Frankfurt und der NS« statt. Eine Kuratorin erläuterte jeweils kurz den Hinter­grund und führte in die jeweilige Lesepassage ein, die von einer Schauspielerin über­zeugend vorgetragen und in Gebärdensprache gedolmetscht wurde

Am 15. Mai fand schließlich die Abschluss­veranstaltung des Lesefests in der Alten Oper, einem der zentralen Original­schauplätze des Romans, statt. Zu Gast waren die Film­produ­zentin Regina Ziegler und Désirée Nosbusch, die 16-jährig die Haupt­rolle der Sanna in der von Ziegler produzierten Verfilmung spielte. Mode­riert hat Cécile Schort­mann.

 

Cécile Schort­mann, Regina Ziegler, Désirée Nosbusch in der Alten Oper, 15.05.22

  Alle drei Fotos (c) Stefanie Kösling

Sabine Baumann (Vorsitzende Frankfurt liest ein Buch), Regina Ziegler, Cécile Schort­mann, Martina Keun-Geburtig, Désirée Nosbusch in der Alten Oper, 15.05.22

Für die Unterstützung danken wir dem Kulturamt der Stadt Frankfurt, dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, dem Kulturfonds Frankfurt RheinMain, der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, der Stadt Eschborn, der WI-Bank, der Mainova und dem Hotel Villa Orange.

Sowie unseren Medienpartnern Frankfurter Rundschau, Stadtmagazin FRIZZ und Hessischer Rundfunk, die uns mit einem furiosen Presseecho, Interviews, Berichten und Porträts begleitet haben.