Grusswort

Sehr geehrte Damen und Herren,

ein Buch lesen die meisten von Ihnen zu Hause, alleine auf dem Sofa, zur Unterhaltung oder Entspannung nach einem langen Arbeitstag. Was aber hat es zu bedeuten, wenn eine ganze Stadt zum gemeinsamen Lesen aufgefordert ist?

»Frankfurt liest ein Buch« ist eine Veranstaltungsreihe, die das Lesen zum Erlebnis macht und zum Dialog auffordert. Im Mittelpunkt steht ein Buch, das auf einzigartige Weise mit unserer Stadt und deren Bewohnern verknüpft ist: Valentin Senger (1918-1997) erzählt in »Kaiserhofstraße 12« die unglaubliche Geschichte seiner jüdischen Familie, die mitten in der Innenstadt über zwölf Jahre Nationalsozialismus und Verfolgung überlebte.


Petra Roth
© Foto: privat

»Ich frage mich, ob es das wirklich gibt, dass in einem einzigen Leben so viele Zufälle Platz haben?«, schreibt Valentin Senger. Neben Zufall und List bewahrte nicht zuletzt die stille Solidarität einiger mutiger Bürger die Sengers vor einem grausamen Schicksal, wie es viele Frankfurter Juden erleiden mussten.

Die Angst vor Entdeckung und der Zwang zur Selbstverleugnung prägten in diesen Jahren den Alltag der Familie. Erst nach dem Krieg konnte Valentin Senger, der später Redakteur beim Hessischen Rundfunk wurde, das Schweigen brechen. Seine Erinnerungen sind nach der Erstveröffentlichung von »Kaiserhofstraße 12« im Jahre 1978 einmal mehr in Vergessenheit geraten. Jetzt erscheint das Buch neu im Frankfurter Verlag Schöffling & Co. und kehrt dank des Engagements des jüngst gegründeten Vereins »Frankfurt liest ein Buch e.V.« zurück unter die Leute: in unsere Bibliotheken, Literatursäle, Schulen, Ausstellungsräume und Theater.

Gerne habe ich die Schirmherrschaft für diese Aktion übernommen und freue mich darauf, mit Ihnen dieses Buch zu lesen. Ich wünsche uns allen drei spannende Wochen, in denen ein Stück unserer Geschichte zum gemeinsamen Gesprächsthema und Ereignis wird.
Mit freundlichen Grüßen

Petra Roth
Oberbürgermeisterin